Cristina Marton – sensible Künstlerin und ausdrucksstarke Pianistin

von Christopher Motz, 19

Gefeierte Pianistin und Gewinnerin internationaler Preise. Cristina Marton ist besonders durch ihre Herkunft aus Rumänien von den Werken slawischer Komponisten fasziniert. Und Cristina Marton hat einen großen Tel ihrer Ausbildung als Pianistin bei einer der größten Klavierlegenden aller Zeiten bekommen.

Cristina, du hast bei Martha Argerich gelernt?

Cristina Marton: Gelernt, ja, das ist der richtige Ausdruck. Ich war 25, als ich sie kennengelernt habe und hoffe, dass ich zu diesem Zeitpunkt schon einiges wusste. Ich habe ich an ihrer Seite gelernt und hatte sehr viel Kontakt mit ihr und jetzt auch immer noch. Jetzt wohne ich am Bodensee und sehe sie nicht mehr so häufig. Ich bin eine große Bewunderin von ihr. Ich liebe ihre Art als Musikerin und als Mensch.

Was hat dich während des Unterrichts bei ihr am meisten geprägt?

Cristina Marton: Tatsächlich hat mich die Vorbereitung auf ein Konzert mit ihr gemeinsam, bei dem wir zusammen gespielt haben, am meisten geprägt. Ich habe mir gedacht, wenn sie da drin sitzt und ich ein Stück allein spielen muss, dann möchte ich natürlich nicht nur mein Bestes, sondern mein Allerbestes geben. Ich war nicht immer hochmotiviert und wollte trotzdem, dass sie sagt: „Wow!“ Sie hat nicht einmal Wow gesagt, sondern mir oft gesagt, wie man Dinge besser machen kann. Das hat mir aber am meisten gebracht, wenn ich mit ihr zusammen geübt habe. Bei Konzerten, auf denen ich zusammen mit ihr aufgetreten bin, habe ich oft bei ihr gewohnt. Ich war mir bewusst, dass sie mir beim Üben immer zugehört hat, auch wenn sie in einem anderen Teil des Hauses war. Dann übt man natürlich ganz anders. Man lässt viel weniger Fehler zu und versucht alles so gut wie nur möglich zu machen. Das hat mir am meisten geholfen. Und natürlich die tollen Dinge, die sie macht. Auch wenn man etwas hört oder sieht, dass sich nicht auf der Bühne abspielt, sondern im täglichen Leben. Sie ist ein unglaublich großzügiger und gütiger Mensch.

 

Hier in Allensbach spielst du den Klavierpart im Dvořák-Klavierquintett A-Dur, op.81. Würdest du sagen, dass Dvořák zu den Musikern gehört, die sehr anspruchsvoll zu spielen sind?

Cristina Marton: Also, dass kann ich wirklich nicht sagen. Dvořák hat auch einfachere Stücke komponiert, z. B. die letzte Symphonie „Aus der neuen Welt“. Dann wäre es nicht so anspruchsvoll, aber Dvořák hat auch Stücke geschrieben, die sehr anspruchsvoll sind (z. B. „Die Glocken von Zlonice“). Mit so einem Stück muss man sich dann sehr intensiv auseinandersetzen. Mir fällt ein, ich habe irgendwann ein Konzert gespielt, in dem auch Dvořák auf dem Programm stand. Einer der Geiger hat ein Zitat von Brahms über Dvořák erwähnt, dass Brahms sein Leben geben würde, um den Einfallsreichtum von Dvořák zu besitzen. In der Melodiefindung war Dvořák beispielsweise im Takt faszinierend, was mir immer auffällt, wenn ich seine Werke spiele und höre. Sie sind unglaublich schön! Diese Stücke wirken auf mich sofort und sind meiner Meinung nach unglaublich komponiert.

 

Durch die Klassik hat man so einen großen Zugang zur Welt, der so viele Aspekte und Facetten wiederspiegelt. Besonders bei Dvořák, der lange Zeit in Amerika gelebt und besonders in den Werken die er dort geschrieben hat, sind deutliche böhmische Einflüsse erkennbar.

Cristina Marton: Ja genau, ich habe gestern jemanden mit Dvořáks Cellokonzert begleitet, das er zum Teil in Amerika geschrieben hat. Den Schluss allerdings hat er vollständig in seiner böhmischen Heimat geschrieben. Diese Einflüsse sind vor allem auch in seinen Partituren erkennbar. In einem Stück steht sogar „Storm in New York“ („Sturm in New York“). Dagegen ist der Schluss dieses Stückes sehr kraftvoll und rhythmisch, aber in Teilen sehr zart. Am Schluss lässt er alle Stimmen des Orchesters noch einmal alles geben, da das Stück sonst für die Zuhörer sehr einschläfernd wäre. Das Cellokonzert als Ganzes ist wunderschön. Zum Schluss finden sich dann wieder alle Stimmen zusammen und beenden das Stück mit einem „Tutti“. Es stimmt, dass Dvořák durch seine Reisen in Europa und Amerika viel in der romantischen Musik verändert hat.

 

Ist das Klavier bei Kammermusikwerken z. B. Prokofjew oder Dvořák ein dominantes Instrument?

Cristina Marton: Ja, bei Kammermusikstücken für Klavier ist es natürlich sehr wichtig, da es das tonangebende Instrument ist. Man bereitet sich auf so ein Konzert meistens so vor, wie auf einen Klavierabend. Der Vorteil von Kammermusikwerken für Klavier ist der, dass es immer Noten dafür gibt. Meistens spielt man aber auswendig, da man dadurch eine komplett andere Sichtweise auf die Musik gewinnt. Ansonsten gibt es noch andere Dinge, die man beachten muss, z. B. welche Notenausgabe man benutzt, damit jeder die gleichen Taktangaben oder Buchstaben hat. Hätte jeder eine andere Ausgabe, dann würde das Zusammenspielen nicht oder nur schwer funktionieren.

Kann das auch bei anderen Komponisten der Fall sein?

Cristina Marton: Bei Beethoven kann der Fall eintreten, dass als Vortragsanweisung „crescendo e subito piano“ (lauter werdend, dann sofort leise) notiert ist und es Ausgaben gibt, in denen diese Anweisung nicht drinsteht. Es gibt Pianisten, die es so spielen und andere lassen diese Anweisung ganz weg. Man muss immer abgleichen, dass jeder die gleichen Anweisungen in der Partitur eingezeichnet hat. Deswegen habe ich am Anfang auch gefragt, welche Ausgaben wir benutzen.

Du hast rumänische Wurzeln. Macht es etwas Besonderes mit dir, wenn du Dvořák, einen slawischen Komponisten spielst?

Cristina Marton: Natürlich, die Volksmusik aus Rumänien und die slawische haben vielleicht ein paar Dinge gemeinsam, allerdings sind beide auch sehr unterschiedlich. Diese Wurzeln der Volksmusik, mit der man aufwächst, sind oft mit Bildern aus der Natur mit Menschen in unterschiedlichen Trachten verbunden. Man kann das natürlich so sehen, da unser jetziges Thema dieser Konzertreihe auch „Sehnsucht“ heißt. Dieser Aspekt ist aber nur ein spezieller dieses Themas.

 

Also Sehnsucht nach der Heimat speziell?

Cristina Marton: Ja das könnte sein. Es kann aber auch Sehnsucht nach einer anderen Zeit im Leben sein, wenn man älter wird und darüber nachdenkt, sich zurückzuziehen. Natürlich auch Sehnsucht nach der eigenen Jugend oder nach Menschen, die man gerngehabt hat. Diese Punkte sind alle mit den Themen „Heimat“ oder „Sehnsucht“ eng verbunden. Ich liebe auch rumänische Volksmusik, tatsächlich halte ich diese Gattung für etwas ganz Besonderes. Ich liebe das!

Gab es Momente in deinem Leben, in denen die Sehnsucht ganz groß war und in denen du persönlich nur noch zurückkehren wolltest?

Cristina Marton: Jeder Anfang ist schwer. Kurz nachdem ich nach Deutschland gekommen bin, kannte ich niemanden. In dieser Situation habe ich mir sehr gewünscht, wieder zurück zu gehen, meine Freunde wieder zu sehen und alles Bekannte und Vertraute um mich zu haben. Im Moment bin ich eher hier am Bodensee zuhause, unterrichte hier Klavier und bin auch glücklich. Im Moment habe ich kein Heimweh nicht, da ich schon lange in Deutschland bin.

 

Hat sich das Heimweh mit der Zeit gelegt?

Cristina Marton: Bei den meisten Menschen legt es sich relativ schnell, aber es gibt auch Fälle von Menschen, die irgendwann wieder zurückgehen. Da ich noch relativ jung war, als ich hierherkam, habe ich hier meine Wurzeln schlagen können.

Um nochmal auf Martha Argerich zurückzukommen. Was war das speziellste Erlebnis mit ihr?

Cristina Marton: Für mich war es tatsächlich so, dass ich schon immer eine große Bewunderin von ihr war. Als ich bei ihrem Wettbewerb in Buenos Aires mitgemacht habe, habe ich mir natürlich gewünscht, dass sie mich wahrnimmt und mir sagt, dass ich schon richtig gute Dinge tue. Dass es dann geklappt hat und ich bis ins Finale gekommen bin, einen Preis gewonnen habe und sie mich dann zum ersten Mal nach dem Finale umarmte und sagte: „Bravo Cristina!“, dass war für mich der vielleicht schönste Moment. Danach kamen noch viele weitere, aber dieser war der absolut schönste für mich. Ich hatte das große Glück, sie oft zu erleben. Der für mich schönste Moment könnte der gewesen sein, als ich das Ziel, von dem ich geträumt habe, auch tatsächlich erreicht habe.

 

An welche Situation bei eurer ersten Begegnung kannst du dich am besten erinnern?

Cristina Marton: Ich kannte Martha Argerich schon vor dem Wettbewerb als Pianistin. Ich weiß nicht, ob du sie schon einmal gesehen hast. Sobald sie die Bühne betritt, strahlt sie so einen Magnetismus aus, dem man sofort verfällt und wenn sie dann den ersten Ton spielt, wird ihre Ausstrahlung noch größer. Es ist diese magische Kraft, diese hypnotische Weise, die sie menschlich wie auch musikalisch so besonders macht. Als Musiker träumt man davon, genau diese Ausstrahlung zu besitzen. Die Menschen sollen den Musikern zuhören und nicht darüber nachdenken, was sie gleich einkaufen. Sie sollten darüber nachdenken, was sie an der Musik, die sie hören, besonders berührt und sind vielleicht entspannt. Manche weinen auch.“

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